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GESCHICHTE DES ORTES

Von der Sommerfrische zu einem Ort, der Europa gewidmet ist

Lokale Archive, Inventare und einige historische Studien ermöglichen es, die Geschichte dieses Ortes nachzuzeichnen.

Im Laufe des 13. Jahrhunderts zog das Dorf Robertsau lokale und Straßburger Persönlichkeiten an, die sich dort ihre „Landhäuser” errichteten. Im Jahr 1784 gab es 45 davon. Das Anwesen, das ursprünglich als landwirtschaftliche „Sommerfrische“ diente, wurde von seinen aufeinanderfolgenden Eigentümern im Zuge der unterschiedlichen Nutzungsarten umgestaltet und mehrmals umbenannt. 1926 von der Stadt Straßburg erworben, wurde es 2014 zum Lieu d’Europe. Die Einrichtung widmet sich der Geschichte des europäischen Einigungswerks und der Förderung Straßburgs als Europahauptstadt. Mit einem vielfältigen Kulturprogramm bietet sie Einblicke in den Reichtum der europäischen Kultur.

 

1751-1829: Der Ursprung – Das Anwesen von Turckheim

1751 erwarb der Bankier Jean IV. von Turckheim das Anwesen vom Berater des Königs und Direktor der Straßburger Münzanstalt, Jean-Louis Beyerlé. Zu diesem Zeitpunkt umfasste es ein Herrenhaus, Nebengebäude, Brunnen, einen landwirtschaftlichen Betrieb und Gärten. Die heutige Villa wurde um 1754 erbaut. Die Nachkommen der Familie Turckheim, in deren Besitz das Anwesen 78 Jahre lang blieb, ließen die Molkerei, die Fasanerie und das große Tor an der Allée Kastner errichten.

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1829-1891: Erweiterungen und Neubauten

Der Apotheker Louis Hecht, der bis 1857 Eigentümer war, ließ den Park vergrößern und ein kleines Gewächshaus, die sogenannte Orangerie, errichten.

Das große Gewächshaus aus Metall wurde nach 1860 gebaut.

 

1891-1926: Das Kaysersguet

Den heutigen Namen Kaysersguet verdankt das Anwesen Heinrich Ludwig Kayser, dem Gründer der Tageszeitung Strassburger Neueste Nachrichten (Vorgängerin der Dernières Nouvelles d’Alsace), der es 1891 erwarb. 1921 ließ seine Witwe Louise Klein eine Urkunde aufsetzen, die vorsah, dass das Anwesen nach ihrem Tod an die Stadt Straßburg übergehen sollte.

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1927: Das Inventar des Anwesens

Nachdem die Stadt im Januar 1926 Eigentümerin geworden war, ließ sie ein vollständiges Inventar des Anwesens erstellen, das vom Konservator der Straßburger Museen, Hans Haug, durchgeführt wurde.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Fassade der Villa noch ihren ursprünglichen Charakter bewahrt, der für die im Straßburg des 18. Jahrhunderts beliebte Architektur typisch war, insbesondere die Ecksteine aus Sandstein und die Bogenfenster. Der Balkon und sein Geländer wurden im 19. Jahrhundert hinzugefügt.

 

1940-1945: Der Zweite Weltkrieg

Die seit 1926 unbewohnte Villa wurde 1941 vom NS-Oberstadtkommissar Robert Ernst in Besitz genommen. Ein Seitenflügel wurde angebaut und die Fassade mit Putz verkleidet.

Bei der Befreiung Straßburgs am 23. November 1944 fanden im Park Kämpfe statt. Zwischen Juni und September 1945 diente die Villa rund vierzig amerikanischen Soldaten als Unterkunft.

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1945-2006: Ein Wohnhaus für die Straßburger Elite

Die Villa wurde von Persönlichkeiten wie dem Stadtarchitekten Henri Jung oder Paul Wach, ehemaliger Senator des Departements Bas-Rhin, bewohnt. Letzterer engagierte sich sehr für den Aufbau Europas und vertrat Frankreich in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (1959-1968). Nach seinem Tod im Jahr 1974 blieb seine Familie bis 2006 auf dem Anwesen wohnen. Die Villa wird manchmal auch Villa Wach genannt.

 

2006: Die Straßenbahn erreicht die Robertsau

Im Rahmen der Arbeiten zur Verlängerung der Tramlinie E wurde der Park verkleinert, um den Bau der Tramhaltestelle Boecklin zu ermöglichen. Die Molkerei wurde verlegt, ein Gitter ersetzt teilweise die Begrenzungsmauer.

2014: Der Lieu d’Europe entsteht

In den 1980er Jahren setzte sich sowohl in der Zivilgesellschaft als auch bei den politischen Entscheidungsträgern die Idee durch, einen Ort zu schaffen, der der Förderung Europas und der besonderen Rolle Straßburgs in der Geschichte des europäischen Einigungswerks gewidmet ist.

Nach einer Konsultation zu diesem Projekt wurde 2009 die Villa Kaysersguet als Standort für den künftigen Lieu d’Europe ausgewählt.

Im Jahr 2013 wurde nach einem Wettbewerb die Umgestaltung und Erweiterung der historischen Villa dem Straßburger Architekturbüro Weber & Keiling anvertraut. Die Arbeiten wurden im Rahmen des Dreijahresvertrags „Straßburg, Europahauptstadt” finanziert.

Das Projekt umfasste eine Dauerausstellung und die Einrichtung eines Konferenzsaals, der nach dem EU-Journalisten Daniel Riot benannt wurde. Der Lieu d’Europe beherbergt auch das Informationszentrum über die Europäischen Institutionen (CIIE) und dessen Ressourcenzentrum.

Am 3. Mai 2014 öffnete der Lieu d’Europe seine Türen für die Öffentlichkeit.

Lieu d'Europe

2021-2022: Restaurierung des Alten Kulturerbes

Seit 2013 setzen sich die Société pour la Conservation des Monuments Historiques d’Alsace (Gesellschaft zur Erhaltung der historischen Denkmäler des Elsass) und verschiedene Vereine für die Erhaltung der historischen Elemente des Parks ein.

Im Jahr 2021 wurden die Statuen restauriert und wieder im Park aufgestellt, während das große metallene Gewächshaus aus dem 19. Jahrhundert im Sommer 2022 wieder aufgebaut wurde.

 

2023-2024: Renovierung und Erweiterung

Die vom Stadtrat am 29. April 2019 genehmigte und im Rahmen des Dreijahresvertrags erneut finanzierte Renovierung und Erweiterung des Lieu d’Europe begann im Sommer 2023. Das Projekt umfasste die Neugestaltung des Erdgeschosses der Villa, die Neukonzeption der Dauerausstellung, den Anbau an das Pförtnerhaus und die Schaffung eines neuen Zugangs seitens der Tramhaltestelle Boecklin.

 

Die Projektleitung übernahm das Straßburger Architekturbüro Rey-De Crécy. Die Szenografie der neuen Dauerausstellung wurde der Pariser Agentur La Fabrique Créative anvertraut.

Photo Valérie Tregan

Der neue Lieu d’Europe wurde am 13. März 2024 eingeweiht.

Nach einer Bürgerbefragung, die im gesamten Eurometropolraum Straßburg durchgeführt wurde, erhielt der neue Saal den Namen „Salle Melina Mercouri” zu Ehren der griechischen Schauspielerin und Politikerin, die die Europäischen Kulturhauptstädte ins Leben gerufen hat.